
Grafeneck 3, 72532 Gomadingen

info@gedenkstaette-grafeneck.de

+49 (0) 7385 966-206

Dokuzentrum: täglich 9 bis 20 Uhr

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Künstlerin: Diane Samuels, angelegt im August 1998
Ein Ort des Erinnerns
Der Alphabet-Garten beruht auf einer Erzählung mittelalterlicher jüdischer Mystik, der „Alphabet Geschichte“ wie die Künstlerin sie nennt.
Diese handelt von einem Gelehrten, der seinen Studienpartner in einen Mann findet, der weder lesen noch schreiben kann. Auf die Frage von dem Gelehrten hin, wie der Mann ohne Bücher betet, erklärt dieser, dass er das Alphabet aufsagt und Gott bittet, seine Buchstaben anzunehmen und daraus Gebete zu Formen.
Der Garten wurde geschaffen, um an alle Opfer zu erinnern, auch an diejenigen, deren Namen nicht mehr festgestellt werden können.
Aus den einzelnen Buchstaben des Alphabets, die im Garten verteilt sind, können symbolisch alle Namen neu entstehen – als Zeichen dafür, dass niemand vergessen werden soll.
Die Natur, die blühenden Pflanzen und der Garten in seiner natürlichen Lebendigkeit bieten einen Raum zum bewussten Gedenken.
Einladung zum Verweilen
Wer den Alphabet-Garten betritt, ist eingeladen, einen Moment innezuhalten.
Achte auf deine Gedanken und Gefühle, während du dich mit den Opfern und der bewussten Erinnerung an sie beschäftigst.
Gehe zum Namensbuch und suche deinen Vor- oder Nachnamen.
Vielleicht findest du eine verstorbene Person, die einen Namen trug, der deinem gleicht.
Sprich und laufe den Namen eines Opfers im Alphabet-Garten nach und spüre, was sich von Stein zu Stein in dir verändert.
Geh in den Garten und erkunde ihn aufmerksam. Was spielt sich alles auf 10cm² ab?
Welche Formen von Lebendigkeit werden erst beim genauen Hinsehen sichtbar?
Schenke den Opfern einen Moment der Stille und zeige, dass sie nicht vergessen sind.
Dazu kannst du dich auf die Steinbank setzten, die am Rande des Gartens steht und den Spruch lesen, der auf ihr steht. Dieser bezieht sich ebenfalls auf die Erzählung aus der jüdischen Mystik.
Vielleicht möchtest du selber auch ein Gebet sprechen.
Nimm eines oder mehrere der Gedichte mit und lese sie im Garten. Denke über den Inhalt und die Bedeutung der Gedichte nach.
Gerne kannst du das Gedicht auch mit nach Hause nehmen.
Bergaufwärts
Linden Kastanien
lichte Allee
der Himmel fein säuberlich blau
klare Sicht in hüglige Fernen
ich sehe
du siehst
der Frühling ist mild
Kein flatterndes Band im Wind
Kein Hauch
nichts steigt aus den Wiesen
ich frage
du fragst
wer karrte die Seelen hinauf
zehntausendfach
lieferte Brot unnützen Essern
die hungern nicht lang
ich spüre
du spürst
der Frühling ist lau
Aufwärts durch Linden Kastanien
Die Rauchfahne hoch
wer drehte den Hahn auf
schürte das Feuer
warf sie hinein
wer wusch sich die Hände mit Seife
die schrie nicht
schäumte nicht
Schlaf schöner Schlaf
zehntausendfach
siehst du
der Frühling ist blind
Ich frage
du fragst
niemand weiß
schwarzes Flattern im Wind
der Himmel grauer als grau
wer schob die Schlacke beiseite
kehrte die Asche zusammen
wer grub die Grube
säte das Gras
ich höre
du hörst
die Zeugen schweigen
der Frühling ist schlau
Dicht geschlossen die Reihen
Linden Kastanien schöne Allee
der Himmel feinsäuberlich klar
kein flatterndes Band im Wind
Kein Haar sattes Grün
Nichts steigt aus den Wiesen
Die Vögel zwitschern
der Frühling ist blau
Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith
Nur einen Ton singt die geliebte Leier.
Rhythmen der Lust verzehrt die schwere Feier
Der stummen Erde weißer Mittagsschauer
Malt blutige Kringel Wundenmal und Trauer.
Oh Harfenlaut oh Bangen zarter Saiten
Vorm Drang der Melodie die Finger gleiten
Odem wird Klang wird Wunderwort der Klage
Mein Antlitz wendet sich. Es steht die Wage.
Trittst Du heut an Bett mir Auge in Auge
Kalt – wer bist Du? – tropft die bittere Lauge.
Tod braut Trank wie keiner je ihn geschlürft
Gift auf Gift tief war die Erde geschürft
Aufgeworfen droht ihr gieriger Mund
Die du küsstest – war nicht ihr Saum jung und bunt?
Korn ihr Kleid? Wein Blut? Kraut Blüte und Laub
Kranz im Haar? Ja selbst Lache und Staub…
Brot ist Sonne Wolke Same und Wind
Schmeck nun such nun taste weine Dich blind:
Die Du liebtest ras’t verstieß Dich versank
Warf die Falten weg ihr Leib leuchtet blank
Knie! – Wer bist Du? – Bete! trinke den Trank.
Gertrud Kantorowicz, 1944
Aus der Sammlung Verse aus Theresienstadt
Ich werde sterben, wie die Vielen sterben;
Durch dieses Leben wird die Harke gehn
Und meinen Namen in die Scholle kerben.
Ich werde leicht und still und ohne Erben
Mit müden Augen kahle Wolken sehn,
Den Kopf so neigen, so die Arme strecken
Und tot sein, ganz vergangen sein, ein Nichts.
Und Bettler klammern noch die Wanderstecken
Wie Zauberruten, stehn an Straßenecken,
In leerem Hut das Gold des Abendlichts,
Das ihre magren Finger doch nicht halten,
Dafür der Händler nie Kartoffeln tauscht.
Ich aber liege satt und warm im Kalten,
Und Zorn und Gram und Lust und Händefalten
Sind Meer, davon die große Muschel rauscht …
Ich war. Ich werde Staub, den Füße trampeln.
Ich weiß es. Ihr. Ihr starbet lang und seid.
Die Krämer rechnen und die Narren hampeln;
Ihr wartet schweigend unter roten Ampeln
So sanft und unerbittlich wie das Leid,
Den Arm noch festgeschnallt am Henkerkarren,
Und einem strahlt das Messer in der Brust.
Da raffen Diebe, und da peitschen Narren,
Und ich bin Staub, den tausend Füße scharren,
Ich bin – und habe doch von euch gewusst.
Und hab auf diesem Antlitz euch getragen;
Der schwache Spiegel ward es, der euch fing,
Der hingestürzt, erblindet und erschlagen.
Ach ich. Was bin ich euren ewigen Tagen
Als Blick, als Sandkorn, rinnend und gering?
Die weiche Krume Lehm, die ihr geknetet
Und noch zur Form mit harten Händen zwingt.
Ihr. Die ihr ernst aus euren Nischen tretet,
Was wisst ihr von dem Herzen, das euch betet,
Was von dem Mund, der eure Glorie singt?