Der Alphabet-Garten beruht auf einer Erzählung mittelalterlicher jüdischer Mystik, der „Alphabet-Geschichte“ wie die Künstlerin sie nennt.
Diese handelt von einem Gelehrten, der seinen Studienpartner in einen Mann findet, der weder lesen noch schreiben kann. Auf die Frage von dem Gelehrten, wie der Mann ohne Bücher bete, erklärt dieser, dass er das Alphabet aufsage und Gott bitte, seine Buchstaben anzunehmen und daraus Gebete zu formen.
Der Alphabet-Garten wurde geschaffen, um an alle 10.654 Opfer zu erinnern, die in Grafeneck gestorben sind, ungeachtet der Tatsache, ob ihre Namen bekannt sind oder nicht. Aus den einzelnen Buchstaben des Alphabets, die im Garten verteilt sind, können symbolisch alle Namen neu entstehen – als Zeichen dafür, dass niemand vergessen werden soll.
Die Natur, die blühenden Pflanzen und der Garten in seiner natürlichen Lebendigkeit bieten einen Raum zum bewussten Gedenken.
Einladung zum Verweilen:
Wer den Alphabet-Garten betritt, ist eingeladen, einen Moment innezuhalten. Achte auf deine Gedanken und Gefühle, während du dich mit den Opfern und der bewussten Erinnerung an sie beschäftigst.
Mögliche Wege zur Annäherung
Gehe zum Namensbuch und suche deinen Vor- oder Nachnamen. Vielleicht findest du eine verstorbene Person, die einen Namen trug, der deinem gleicht. Suche die Buchstaben im Alphabet-Garten und laufe den Namen eines Opfers nach. Spüre, was sich von Stein zu Stein in dir verändert.
Geh in den Garten und erkunde ihn aufmerksam. Was spielt sich alles auf 10 cm² ab? Welche Vielfalt des Lebens kannst du bei genauer Betrachtung entdecken?
Schenke den Opfern einen Moment der Stille und zeige, dass sie nicht vergessen sind. Dazu kannst du dich auf den Sitzstein setzen, der am Rande des Gartens steht, und den Spruch lesen, der auf ihm steht. Dieser bezieht sich ebenfalls auf die Erzählung aus der jüdischen Mystik. Vielleicht möchtest du selbst auch ein Gebet sprechen.
Lese dir eins oder mehrere der Gedichte im Alphabet-Garten durch. Denke über den Inhalt und die Bedeutung der Gedichte nach. Gerne kannst du die Gedichte auch zuhause nochmals lesen.
Bergaufwärts Linden Kastanien lichte Allee der Himmel fein säuberlich blau klare Sicht in hüglige Fernen
ich sehe du siehst der Frühling ist mild
Kein flatterndes Band im Wind Kein Hauch nichts steigt aus den Wiesen ich frage du fragst wer karrte die Seelen hinauf zehntausendfach lieferte Brot unnützen Essern die hungern nicht lang
ich spüre du spürst der Frühling ist lau
Aufwärts durch Linden Kastanien Die Rauchfahne hoch wer drehte den Hahn auf schürte das Feuer warf sie hinein wer wusch sich die Hände mit Seife die schrie nicht schäumte nicht
Schlaf schöner Schlaf zehntausendfach siehst du der Frühling ist blind
Ich frage du fragst niemand weiß schwarzes Flattern im Wind der Himmel grauer als grau wer schob die Schlacke beiseite kehrte die Asche zusammen wer grub die Grube säte das Gras
ich höre du hörst die Zeugen schweigen der Frühling ist schlau
Dicht geschlossen die Reihen Linden Kastanien schöne Allee der Himmel feinsäuberlich klar kein flatterndes Band im Wind Kein Haar sattes Grün Nichts steigt aus den Wiesen
Die Vögel zwitschern der Frühling ist blau
Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts wir trinken und trinken wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends wir trinken und trinken Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete dein aschenes Haar Sulamith
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends wir trinken und trinken ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland
dein goldenes Haar Margarete dein aschenes Haar Sulamith
Nur einen Ton singt die geliebte Leier. Rhythmen der Lust verzehrt die schwere Feier Der stummen Erde weißer Mittagsschauer Malt blutige Kringel Wundenmal und Trauer. Oh Harfenlaut oh Bangen zarter Saiten Vorm Drang der Melodie die Finger gleiten Odem wird Klang wird Wunderwort der Klage Mein Antlitz wendet sich. Es steht die Wage.
Trittst Du heut an Bett mir Auge in Auge Kalt – wer bist Du? – tropft die bittere Lauge.
Tod braut Trank wie keiner je ihn geschlürft Gift auf Gift tief war die Erde geschürft
Aufgeworfen droht ihr gieriger Mund Die du küsstest – war nicht ihr Saum jung und bunt?
Korn ihr Kleid? Wein Blut? Kraut Blüte und Laub Kranz im Haar? Ja selbst Lache und Staub…
Brot ist Sonne Wolke Same und Wind Schmeck nun such nun taste weine Dich blind:
Die Du liebtest ras’t verstieß Dich versank Warf die Falten weg ihr Leib leuchtet blank
Ich werde sterben, wie die Vielen sterben; Durch dieses Leben wird die Harke gehn Und meinen Namen in die Scholle kerben. Ich werde leicht und still und ohne Erben Mit müden Augen kahle Wolken sehn,
Den Kopf so neigen, so die Arme strecken Und tot sein, ganz vergangen sein, ein Nichts. Und Bettler klammern noch die Wanderstecken Wie Zauberruten, stehn an Straßenecken, In leerem Hut das Gold des Abendlichts,
Das ihre magren Finger doch nicht halten, Dafür der Händler nie Kartoffeln tauscht. Ich aber liege satt und warm im Kalten, Und Zorn und Gram und Lust und Händefalten Sind Meer, davon die große Muschel rauscht …
Ich war. Ich werde Staub, den Füße trampeln. Ich weiß es. Ihr. Ihr starbet lang und seid. Die Krämer rechnen und die Narren hampeln; Ihr wartet schweigend unter roten Ampeln So sanft und unerbittlich wie das Leid,
Den Arm noch festgeschnallt am Henkerkarren, Und einem strahlt das Messer in der Brust. Da raffen Diebe, und da peitschen Narren, Und ich bin Staub, den tausend Füße scharren, Ich bin – und habe doch von euch gewusst.
Und hab auf diesem Antlitz euch getragen; Der schwache Spiegel ward es, der euch fing, Der hingestürzt, erblindet und erschlagen. Ach ich. Was bin ich euren ewigen Tagen Als Blick, als Sandkorn, rinnend und gering?
Die weiche Krume Lehm, die ihr geknetet Und noch zur Form mit harten Händen zwingt. Ihr. Die ihr ernst aus euren Nischen tretet, Was wisst ihr von dem Herzen, das euch betet, Was von dem Mund, der eure Glorie singt?
Du kannst dir auch eigene Übungen überlegen, ausprobieren und uns zukommen lassen. Vielleicht hast du auch weitere Gedichtvorschläge, die der Sammlung beigefügt werden können. Wir freuen uns über deine Rückmeldungen: info@gedenkstaette-grafeneck.de