Veranstaltungen 2021

"Euthanasie" im Nationalsozialismus

31. Oktober bis 26. November 2021
Veranstaltungsreihe der Offenen Hilfen Heilbronn, 
der LebensWerkstatt für Menschen mit Behinderung, 
der Evangelischen Stiftung Lichtenstern und der 
Diakonie Württemberg zum Gedenken an die 
Ermordeten. Begleitet durch die Wanderausstellung 
des Dokumentationszentrums Grafeneck 
in der Kilianskirche in Heilbronn.

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Presse: Zeitungsartikel Heilbronner Stimme  (828,6 KiB)

Filmvorführung und Gespräch: FREISTAAT MITTELPUNKT

Ernst Otto Karl Grassmé war ein Opfer der nationalsozialistischen Rassenideologie. Als schizophren diagnostiziert, wurde er als an einer Erbkrankheit leidend angesehen. Um diese an ihrer Ausbreitung zu hindern, wurde er von den Nationalsozialisten interniert und zwangssterilisiert. Nach seiner Entlassung im Jahr 1939, ein Jahr vor Beginn der Aktion T4, des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten, entschied er sich für ein Leben im Moor. Dort überlebte und lebte er. Eine Entschuldigung hat Grassmé nie und eine Entschädigung erst kurz vor seinem Tod erhalten, obwohl er schon früh die Auseinandersetzung mit den Behörden suchte. Durch Briefe hielt er Kontakt mit der Außenwelt, teilte so seine Gedanken und sein Innenleben mit Anderen.
Kai Ehlers erzählt in seinem Dokumentarfilm FREISTAAT MITTELPUNKT die Geschichte von Grassmé, gewährt dadurch eine subjektive Perspektive auf die grausame Praxis der Eugenik und ihre langanhaltende Wirkung. Gleichzeitig geht Ehlers der Frage nach dem Umgang von Gesellschaften mit ihren nicht konformen Mitgliedern nach.
Astrid Beyer vom Haus es Dokumentarfilms moderiert im Anschluss an die Filmvorführung ein Gespräch mit dem Regisseur Kai Ehlers und dem Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, Thomas Stöckle.
Der Eintritt ist frei. Wir bitten um Anmeldung unter veranstaltungen-hs@hdgbw.de.
Veranstalter*innen: Gedenkstätte Grafeneck, Haus des Dokumentarfilms und Haus der Geschichte Baden-Württemberg
 
Kai Ehlers, in West-Berlin aufgewachsen, studierte Regie und Kamera an der Filmakademie Baden-Württemberg, sowie Kunstgeschichte und Philosophie an der FU Berlin. Er ist freiberuflich als Autor, Regisseur, Bildgestalter und Produzent für Dokumentarfilme tätig und lehrt an Schulen und Hochschulen. Parallel arbeitet er als Videokünstler und Filmkurator. Schwerpunkt seiner künstlerischen Auseinandersetzung ist deutsche Zeitgeschichte.

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Hierbleiben – Spuren nach Grafeneck - Ein Projekt des Verein Theater in der Tonne e.V. Reutlingen

Hierbleiben – Spuren nach Grafeneck
Produziert vom Verein Theater in der Tonne e.V. Reutlingen
Sie lebten in verschiedenen Einrichtungen, als 1940 die bald schon berüchtigten grauen Busse vorfuhren und sie zum idyllisch gelegenen Schlösschen Grafeneck brachten. Wenig später erhielten ihre Angehörigen und Institutionen Nachricht vom überraschenden Ableben dieser Verwandten bzw. Schützlinge. Unter dem Decknamen T4 wurden hier erstmals systematisch und in großem Rahmen Menschen umgebracht, die den Nazis als Behinderung für die Gesellschaft erschienen, mit der perfiden Begründung, dass für ihre Betreuung mehr aufgewandt werden müsse, als ihre Arbeitskraft letztlich einbrächte. Innerhalb nur eines Jahres waren es 10.654 Menschen mit Behinderungen aus ganz Baden-Württemberg und über dessen Grenzen hinaus, die auf diese Art in eigens dafür eingerichteten Gaskammern in Grafeneck ermordet wurden.
Auf ihren Spuren bewegt sich diese spartenübergreifende, mobile Produktion, greift Fakten und Hintergründe wie konkrete Biografien Betroffener auf und setzt sich assoziativ, spielerisch in ganz unterschiedlichen Kunstformen damit auseinander:
Inspiriert und tief berührt vom Schicksal der Ermordeten wie ihrer Angehörigen, von Dokumenten aus der Zeit und dem gemeinsamen Besuch der Gedenkstätte in Grafeneck hat sich das inklusive Tonne-Ensemble Ensemble, begleitet von Künstler*innen verschiedener Bereiche (Tanz, Musik, Medien, bildender Kunst), seit Anfang 2020 mit der künstlerischen Umsetzung dieser Ereignisse und Fakten befasst. Nach und nach (in einem Zeitraum von September 2020 – Oktober 2021) werden 25 der betroffenen Orte besucht und die Produktion open air als Straßentheater zur Aufführung gebracht mit interaktiven und improvisierten Elementen, durch die auch jeweils der direkte Bezug zum Ort und seinen ehemalige wie aktuellen Bewohner*innen hergestellt wird. Szenisches, Musikalisches, Choreografiertes, manchmal auch Improvisiertes und Interaktives wirft in kurzen, abwechslungsreichen Sequenzen einen vielfältigen Blick auf das Vergangene und bietet in der künstlerischen Weiterentwicklung wie der direkten Begegnung miteinander assoziative Anknüpfungspunkte und aktuelle Bezüge.
Über die Form des Straßentheaters werden Menschen in den direkt betroffenen Orten von damals auch heute unmittelbar erreicht, ohne sich extra in einen Theaterraum zu begeben, erleben unmittelbar die besonderen Begabungen und Persönlichkeiten des Ensembles und die vielfältigen sinnlich ansprechenden Formen der Umsetzung.

In Kooperation mit:
- BAFF [Träger Lebenshilfe und BruderhausDiakonie],
- Fakultät für Sonderpädagogik der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg,
- BruderhausDiakonie-Werkstätten Reutlingen sowie
- Habila GmbH Rappertshofen Reutlingen

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Presse: Zeitungsartikel auf theater-reutlingen.de

In Gedenken an NS-Opfer - Weihbischof segnet Mahnmal in Zarten / Ergebnis der Recherche von Schülern aus Stegen

In Gedenken an NS-Opfer
Weihbischof segnet Mahnmal in Zarten / Ergebnis der Recherche von Schülern aus Stegen
Von Gerhard Lück (Badische Zeitung, 28.07.2021):

KIRCHZARTEN-ZARTEN. „Unsere Zivilgesellschaft braucht die Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte“, sagte der Freiburger Weihbischof Peter Birkhofer bei der Einweihung eines Mahnmals für Euthanasie-Opfer in Zarten. Und so sei er dankbar, dass sich junge Menschen aus der Geschichts-AG des Kollegs St. Sebastian in Stegen dem Thema Euthanasie der Nazi-Herrschaft im Dreisamtal angenommen haben. Bürgermeister Andreas Hall hatte mit seinen Dreisamtäler Bürgermeister-Kollegen zur Einweihung eingeladen. Dabei waren auch Schulleiter Bernhard Moser vom Kolleg und der Direktor der Schulstiftung, Dietfried Scherer, sowie zahlreiche Gäste, darunter Sponsoren. Hall sagte, die Schüler hätten „in beeindruckender Weise die Euthanasie-Morde in unserer Heimat aufgearbeitet und den Opfern des Dreisamtals mit einem Mahnmal einen Namen gegeben“. Der vom Stegener Künstler Daniel Rösch vorgelegte Mahnmal-Entwurf habe ihn sehr berührt. Den Weg von der ersten Auseinandersetzung in der Geschichts-AG bis zur jetzt erfolgten Mahnmal-Einweihung zeigten Lehrer Claudius Heitz und fünf der anwesenden sieben AG-Mitglieder eindrucksvoll auf. Für Heitz war die gemeinsame Arbeit „ein besonderer Moment als Lehrer“. Seit September 2018 habe sich die Gruppe „mit der in der Euthanasie greifbar gewordenen Menschenverachtung der Nazis“ befasst. Das Schicksal von Wilhelmine Hitz vom Schweizerhof in Zarten, die 1924 aus nicht zu ermittelnden Gründen – außer einem Alkoholproblem war nichts bekannt – in die Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen eingewiesen wurde und 1940 in der „NSDAP-Tötungsanstalt Grafeneck auf der Schwäbischen Alb vergast wurde, motivierte die Schüler, intensiver nach weiteren Euthanasie-Opfern im Dreisamtal zu forschen. Franz Asal, Vorsitzender des Fördervereins der St. Johanneskapelle, unterstützte sie dabei intensiv. „Wir machten uns dann auf weitere Spurensuche von Hitlers vergessenen Opfern“, sagte Heitz. Fündig geworden seien sie in verschiedenen Archiven. Sie hätten die Gedenkstätte in Grafeneck besucht und seien überrascht gewesen, „dass es keinen offiziellen Gedenktag für Euthanasie-Opfer gibt“. Die Schüler Jakob Seidel, Sidonie Hahlbrock, Adelheid Prinz, Paul Lieb und Simon Buchgeister entlarvten die Nazi-Sprache, die den Begriff Euthanasie im griechischen Ursprung mit „guter Tod“ verwendete. Die Schüler informierten darüber, dass allein aus Emmendingen 1.127 Patienten nach Grafeneck und später nach Hadamar in den „berühmten grauen Bussen“ in die Gaskammern transportiert worden seien. In Grafeneck seien in einem Jahr bis zu 100 Mitarbeitende an der Tötung von 10.654 Menschen beteiligt gewesen. Beeindruckend erzählten die fünf von Flora Meder aus Kirchzarten, die mit dem damaligen Sparkassen-Vorstand verheiratet und durch ungewöhnliche Frömmigkeit aufgefallen war. Sie wurde 1929 in Emmendingen eingewiesen. Weiter erzählten die Schüler von Wilhelm Scherer aus Eschbach, der nach einer Brandstiftung als geistig gestört eingestuft nach Emmendingen kam. Insgesamt 15 Euthanasie-Opfer aus dem Dreisamtal spürten die AG-Mitglieder auf. Doch sie konnten auch von Geretteten berichten, die dank großer Zivilcourage von Bürgern überlebt hatten. Claudius Heitz berichtete von der schwierigen Recherche: „Wir fanden die Namen oft in Listen anderer Tötungsstätten der Nazis mit gefälschten Todesdaten wieder.“ Während der Auseinandersetzung mit diesen dunklen Taten deutscher Geschichte sei der Wunsch bei den Schülern gewachsen, zum Gedenken an die Opfer ein Denkmal zu errichten. Beim Stegener Bildhauer Daniel Rösch trafen sie gleich auf offene Ohren, da sich der Künstler auch inhaltlich mit seinem Auftrag identifiziert. Er sei sehr berührt, betonte er bei der Vorstellung, dass junge Menschen ein Mahnmal forderten, mit dem der Euthanasie-Opfer nach 80 Jahren erstmals namentlich gedacht werde. Und man müsse sich heute beim Thema Pränatal-Diagnostik fragen, „ist sie und die sind die daraus resultierenden Abtreibungspraktiken auf diesem nationalsozialistischen Nährboden eines makellosen Menschenbildes befördert worden?“ Rösch dankte allen, den Kommunen, der Erzdiözese Freiburg und vielen Spendern, dass sie das Denkmal finanziell möglich machten: „Das ist ein Bekenntnis zum Mahnmal und zur Jugend!“ Stele mit den Namen von 15 Euthanasie-Opfern Inspiriert habe ihn die zurückgelassene Kleidung der Opfer in Grafeneck, die sich gleich nach ihrer Ankunft vollständig entkleiden mussten und dann in die Gaskammern geführt wurden. Er sei, so erzählte Rösch, auf Dreisamtäler Bauernhöfen bei der Suche nach Kleidungsstücken der damaligen Zeit fündig geworden: Anzüge, Jacken, Kleider, Schuhe, Brillen, Trachtenhut, Strickjacke mit Messingknöpfen. Alles habe er in Holzleim getränkt und fixiert. Nach den Spendenzusagen habe er einen Steinblock gekauft und nach kurzer Fräsvorarbeit in 750 Arbeitsstunden mit seinen Mitarbeitern das Modell in Stein gehauen. Auf einer Stele habe er alle 15 Namen der Dreisamtäler Euthanasie-Opfer eingraviert. Weihbischof Peter Birkhofer erzählte von einem geistig behinderten Cousin: „Diese Begegnung mit einem wertvollen Leben hat sich bei mir eingeprägt.“ Deshalb sei es wichtig, dass sich junge Menschen mit der Geschichte auseinandersetzen: „Wir brauchen Menschen, die uns daran erinnern, dass Leben wertvoll ist.“ Er rief dazu auf: „Schaut tiefer hin! Bleibt nicht beim Mahnmal stehen. Ehren wir das Andenken, aber werden wir immer aktiv, wenn andere ausgegrenzt werden.“ Schulleiter Moser dankte der Geschichts-AG und ihrem Lehrer: „Als Schulleiter bin ich unglaublich stolz auf eure Arbeit.“ Im Garten der St. Johannes-Kapelle wurde dann das Denkmal mit Stele enthüllt und vom Weihbischof gesegnet. Die Feierstunde begleitete eine Musikgruppe des Kollegs eindrücklich und mit feinem Gespür für die ernste Atmosphäre.
 
Nach der Enthüllung kam Weihbischof Peter Birkhofer mit den Schülern ins Gespräch
Eine Stele gibt den 15 Euthanasie-Opfern aus dem Dreisamtal einen Namen.


F O T O S : G E R H A R D  L Ü C K