Namensbuch

Im Vordergrund: Das Namensbuch, im Hintergrund: Die offene Kapelle der Gedenkstätte. Das Bild zeigt vorne einen Granitblock auf einer hüfthohen Steinmauer. Im Granitblock befindet sich eine Metallschublade, in welcher wiederum das Namensbuch eingebettet ist. Die Schaublade ist aufgezogen, das Buch aufgeklappt. Im Hintergrund befinden sich Bäume und Wiesen. Auf der Wiese steht eine Dachkonstruktion, die von 5 Metallträgern abgestützt wird.

Den Opfern einen Namen geben

Die Erforschung der Namen der in Grafeneck ermordeten Menschen ist seit Bestehen der Gedenkstätte Grafeneck eine der Kernaufgaben. Seit 1998 ist das Namensbuch an der Gedenkstätte öffentlich zugänglich. In Folge der letzten Aktualisierung im Herbst 2019 umfasst das Namensbuch ca. 9.600 Namen. Die Forschungen werden auch in Zukunft fortgesetzt, sodass das Namensbuch jährlich aktualisiert werden kann.

Die Namen der Opfer sind in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt. Auf zusätzliche Informationen wie den Geburtstag oder den Geburtsort wurde verzichtet. Diese Daten sind – sofern bekannt – nur Angehörigen sowie für amtliche und wissenschaftliche Zwecke zugänglich. Das Namensbuch liegt auch in gedruckter Version vor und ist im Dokumentationszentrum einsehbar. Daneben existiert seit 2015 in zweiter Auflage ein Ortsbuch, welches die Herkunftsorte der Opfer beinhaltet und ebenfalls im Dokumentationszentrum eingesehen werden kann.

Wie aber schafft man eine Erinnerung an die namentlich nicht bekannten Opfer?

Der Arbeitskreis Gedenkstätte Grafeneck bat Diane Samuels, eine US-amerikanische Künstlerin, über diese Frage nachzudenken. Sie schlug einen Alphabet-Garten vor. Samuels hat sich von einer alten jüdischen Erzählung inspirieren lassen:

In der Geschichte erhält ein Gelehrter die Erlaubnis, seinem himmlischen Gesprächspartner schon auf Erden zu begegnen. Dieser Mann lebt in einem abgelegenen Dorf in einer einfachen Hütte. „Wie kannst du ohne Bücher beten?", fragt der Gelehrte. „Ich besitze keine Bücher, weil ich weder lesen noch schreiben kann", antwortet der Mann. „Aber ich kann das Alphabet aufsagen. Ich bitte Gott, meine Buchstaben anzunehmen und daraus Gebete zu formen."

Im Alphabet-Garten in Grafeneck wurde diese Erzählung gleich hinter dem Namens- und Gedenkbuch umgesetzt. Mitglieder des Arbeitskreises und Freiwillige aus der Region errichteten ihn im Sommer 1998. Es sind 26 kleine quadratische Granitsteine im Boden verankert, von denen jeder einen Buchstaben des Alphabets trägt. Jeder Name setzt sich aus einer Kombination dieser 26 Buchstaben zusammen. Der Alphabet-Garten erinnert somit an alle 10 654 Opfer, die namentlich bekannten und die unbekannten.

In dem Garten wurden Bodendecker angepflanzt und Blumenzwiebeln, die sich ausbreiten. Sie lassen den Alphabet-Garten natürlich und ein wenig wild aussehen. Je nach Jahreszeit bilden die Pflanzen einen verschiedenfarbigen Untergrund für die Buchstaben.

Ein Granitstein aus dem Alphabetgarten. Das Bild zeigt einen Granitstein, welcher in eine Wiese eingelassen ist. In den Stein ist der Großbuchstabe "K" eingraviert.